You & Europe: Wodurch ich Europa zu schätzen lernte 

Wie das Aufwachsen meiner Eltern in der DDR nicht nur ihre, sondern auch meine Welt prägte 

Wenn ich darüber nachdenke, wann mir eigentlich die Vorteile Europas das erstemal richtig aufgefallen sind, war das verhältnismäßig spät. Für mich waren offene Grenzen, Reisefreiheit, Freunde außerhalb Deutschlands etwas ganz Normales. Ich bin erst Mitte der Neunziger geboren und dass meine Eltern mit mir im Sommer nach Spanien, Italien oder die Türkei fuhren und flogen, war für mich ziemlich selbstverständlich. Am Flughafen war das umständlichste immer das blöde Wasser, was man in kleine Plastiktüten packen musste oder schnell vor der Kontrolle austrank.  

Meine Eltern dagegen sind ganz anders aufgewachsen. Geboren in der tiefsten DDR, mit Grenzen, die den eigenen Lebensraum so stark einschränkten, dass es für sie kaum auszuhalten war. Wenn sie davon erzählen, haben sie nicht die rosarote Rückblickbrille auf, wie manch andere „Ostdeutsche“. Sie sprechen von ihren getrennten Familien, der Tante, die in den Westen geheiratet hat als es noch möglich war und zu der man zeitweise keinen Kontakt haben durfte, Nachbarn die nach der Wende direkt umzogen, weil sie genau wussten, dass rauskommen würde, dass sie für die Stasi bespitzelt hatten. Auch das typische Klischee, des in der Schlange Stehens, obwohl man nicht mal wusste wofür man da gerade anstand, der Trabi, der praktisch bei der Geburt eines Kindes bestellt wurde, um ihn in 18 Jahren zu haben, Nutrias auf der Speisekarte der Kantine oder abenteuerliche Geschichten, wie mein Opa Antennen baut um westdeutsche Medien zu empfangen. Klar, es war ihre normale Lebenswelt und natürlich war nicht alles schlecht, sie hatten Freunde und liebende Familien, gingen freitags in die Disko und fuhren mit der Simson zum nächsten Baggersee. Trotzdem hat es mein Papa irgendwann nicht mehr ausgehalten, woran es genau lag, da hoffe ich immer noch drauf, dass er eines Tages mit mir darüber sprechen kann. Er kehrte jedenfalls irgendwann der DDR den Rücken und floh zur Tante in die BRD. Dass es mich trotzdem gibt, liegt an dem Fall der Mauer und seiner späteren Rückkehr in die Heimat.  

Diese Beschäftigung mit meinen eigenen Wurzeln führte mir erst vor Augen, was für ein großes Geschenk es ist, dass ich meine Freiheiten als so selbstverständlich hinnehmen kann. Wenn ich meine Freundin in ihrem Erasmus Jahr in Paris besuche und sie mir Kommilitonen aus Kanada, Großbritannien und den USA vorstellt. Wenn meine kleine Schwester einfach mal ein Jahr eine Highschool in Oklahoma besucht, ich mit meinem Freund den Wein am Gardasee genieße und über Praktika und Studienplätze ohne örtliche Einschränkung nachdenke, dann ist das weit weg von der Realität, in der meine Eltern aufgewachsen sind.  

Wir sollten dieses Geschenk nicht als selbstverständlich nehmen, sondern uns sehr bewusst mit den Vorzügen Europas beschäftigen und uns für sie einsetzen. Aktuell hat man das Gefühl, wir haben vergessen unsere Lebensumstände zu würdigen und nähren damit nationalistische Bestrebungen wie beispielsweise den Brexit. 

 

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